Heldenmut vs. reale Welt

Heroisch mutet es in Hollywood Blockbustern und Endzeitfilmen an, wenn gut bezahlte Schauspieler wieder einmal die Welt vor dem vermeintlich Bösen retten, um der Menschheit einmal mehr Frieden und Freiheit zu bringen. Nur allzu gern identifizieren wir uns mit den Helden auf der Leinwand und in unserem tiefsten inneren sind wir der festen Überzeugung, auch wir könnten in einer ähnlichen Situation gleiches heldenhaftes leisten und uns dem Bösen von Angesicht zu Angesicht entgegenstellen. Epische Filmmusik, komponiert von den Größten unserer Zeit, spektakuläre und millionenteure CGI-Effekte und mutige, schlagfertige Drehbuchworte wecken in uns den Kampfgeist, während wir von der Story gefesselt auf die Kinoleinwand oder den heimischen Fernseher blicken. Wie viele Menschen haben wohl bei Steven Spielbergs Meisterwerk "Schindlers Liste" mitgefiebert, wenn Hauptprotagonist Oskar Schindler und sein jüdischer Begleiter Izak Stern einmal mehr versuchten, das Naziregime auszutricksen. Zugegeben: anfangs aus finanziellen Gründen; gegen Ende allerdings, um schlichtweg Menschenleben zu retten. Wie viele Menschen haben in Roman Polanskis Film "Der Pianist" wohl mit dem polnischen Musiker Wladyslaw Szpilman mitgefiebert, der einfach nur versuchte zu überleben, während verschiedene Widerstandszellen um ihn herum immer wieder heldenmutig gegen die Nazis kämpften und dabei scheiterten. Wie oft sah man diese Szenen und dachte sich: "Das würde ich ganz genauso machen, wenn es drauf ankommt."


Doch wenn der Film zuende ist, wenn sich der Vorgang schließt und die Saaltüren sich öffnen, bleibt meist nicht viel von dem heroischen Gefühl übrig. Der Grund ist einfach. Menschliche Schicksale bewegen uns immer dann, wenn wir selbst nicht involviert sind. Denn wären wir das, müssten wir dem heldenhaften Gefühl und dem Kampfgeist in uns nachgeben, aufstehen und für die Menschlichkeit kämpfen. Vor allem aber müssten wir mutig und tapfer sein. Und wir müssten unseren Gegner kennen. Doch anders als im Film, ist der Gegner in der realen Welt kein klar definierter Charakter in Nazi-Uniform und mit Hakenkreuzabzeichen an der Brusttasche. Der Gegner ist vielmehr eine ganze Reihe von Personen. So viele, dass man sie unmöglich alle auf einmal benennen, geschweige denn im Auge behalten kann. Zudem zählen ganze Organisationen, Einrichtungen und Institutionen zum Gegner. Falschinformationen, auf Neudeutsch Fake News, legen einen Schleier der ständigen Desinformation und Verunsicherung über Augen und Verstand. Den Überblick darüber zu behalten, was gut und was böse ist, wird nahezu unmöglich. Die Chance, sich der falschen Seite anzuschließen und dennoch der festen Überzeugung zu sein, man sei auf der richtigen, ist ungleich höher, als die reelle Chance auf die notwendige Zeit, die man einfach braucht, um sich ein vollumfängliches Bild machen zu können. Unsere Welt ist eben um einiges komplexer, als das Drehbuch eines Blockbusters und das Gesicht des Gegners, oder vielmehr die vielen Gesichter der Gegner, sind nicht klar und eindeutig erkennbar.


Und somit bleibt es leider beim kurzfristigen Heldenmut und all den heroischen Gefühlen im Kinosaal. Wenn wir uns von unseren Sitzplatz erheben, bleiben all diese Emotionen auf jenem Platz zurück. Wir kehren zurück in die wirkliche Welt und in den meisten Fällen nehmen wir nicht einmal wahr, dass wir zu so viel Gutem, zu so viel Mut und zu so viel Menschlichkeit fähig sind, all diese Dinge aber in den meisten Fällen niemals einsetzen. Und darum gewinnt in den Filmen meist das Gute, während in der realen Welt das Böse die Oberhand behält. Wir sind schlichtweg geblendet. Manchmal können wir nichts dafür, aber manchmal sind wir auch einfach nur zu feige aufzustehen und mutig zu sein.